Gastbeitrag: MBA – Management by Absence

Nein, es handelt sich nicht um einen neuen Studiengang. Es beschreibt etwas ketzerisch Timothy Ferriss´ Weg bzw. Anleitung zur finanziellen Unabhängigkeit in seinem Buch “Die 4-Stunden-Woche”. Ferriss spricht selbst zwar nicht von “goldenen Regeln” wie die Babylonier, doch klar, auch in diesem Buch stecken einige Grundsätze, von denen Ferriss überzeugt ist und an die er sich hält. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben, zumindest konnte ich nichts gegenteiliges in Erfahrung bringen (wikipedia, seine eigene Seite). Ich möchte die aus meiner Sicht wichtigsten Gedanken (was bei der Flut an wirklich guten, lebensnahen Tipps echt schwierig ist…) hier zusammenfassen und wie auch schon meinen letzten Artikel zu den goldenen Regeln der Babylonier mit persönlichen Erfahrungen bereichern – ist schließlich ein private finance blog ;-)

Zuvor noch ein wichtiger Hinweis: Ferriss unterscheidet in seinem Buch zwischen Menschen, die alles für das Ende (z.B. das Rentenalter) aufsparen, er nennt sie “Aufschieber” – und den “Neuen Reichen”. Er gibt einige Beispiele zur Unterscheidung, der wesentliche ist jedoch aus meiner Sicht, dass die Neuen Reichen alles JETZT tun, wozu Sie Lust haben (ein Jahr Weltreise, Kletterkurse besuchen, täglich drei Stunden Golftraining usw.). Der Aufschieber will einfach nur “mehr” haben, kauft alle Dinge, die er haben will, will jede Menge Geld verdienen. Das Buch richtet sich also an diejenigen, die sich mit den “Neuen Reichen” identifizieren können. Andererseits ist auch für die Aufschieber unter uns interessant zu wissen, wie Ferriss seine finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat bzw. was er zum Erreichen dieses Ziels empfiehlt.

Das Buch hat 341 Seiten, ein großer Teil widmet sich den Vorbereitungen. Die sind logisch, enthalten aber noch nicht den Kern von Ferriss´ Plan. Zu den Vorbereitungen einige Beispiele, die für euch möglicherweise stark nach einem der Millionen Lebensratgeber klingen. Ist aber nicht so, Ferriss baut alles logisch auf und ist dabei auch noch witzig…

  • Statt “Was will ich?” oder “Was sind meine Ziele?” sollte sich jeder, der auch ein Neuer Reicher werden will fragen: “Was würde mich begeistern?” Der Webmaster dieses Weblogs müsste sich also statt als Ziel, eine Million Vermögen zu besitzen, fragen, was ihn begeistert. Ferriss liefert dazu später noch Detailfragen, rechnet die Kosten dieser Wünsche hoch und kommt so auf einen Betrag X.
  • Befreie Dich aus den Zwängen der festen Büroarbeitszeiten, denn egal ob Du Deine eigentliche Arbeit in 2 oder 4 Stunden erledigst, wird heutzutage einfach erwartet, mindestens 8 Stunden abzusitzen. Und wenn Du eben so schnell und effizient arbeitest, dann wird man von Dir verlangen, eben x mal so effektiv wie die Kollegen zu sein. Aber mehr Freiheit bekommst Du nicht, vielleicht etwas mehr Geld. Ich denke, da hat er bei den meisten Angestellten Recht. Und keine Sorge, im Buch gibts detaillierte Anleitungen, wie das zu schaffen ist. Ich habe das Glück, einen AT-Vertrag ohne Anwesenheitspflicht zu haben. Allerdings lässt die technische Ausstattung durch den Arbeitgeber zu wünschen übrig, so dass arbeiten von zu Hause schwierig ist und auch die Sprüche und Blicke der Kollegen üben in gewisser Weise Druck aus, einigermaßen regelmäßig anwesend zu sein. Im Sinne von Ferriss muss ich es also hinbekommen, genauso gut von zu Hause arbeiten zu können.
  • Beseitige das Überflüssige aus Deinem (Berufs-) Leben nach dem Paretoprinzip. Die entscheidenden Fragen, nach denen Du demnach handeln solltest, lauten: welche 20% aller Kunden/Vorkommnisse verursachen 80% meiner Probleme? Welche 20% aller Maßnahmen sorgen für 80% der erwünschten Ergebnisse und somit dafür, dass ich glücklich bin?
  • Sei selektiv ignorant. Ferriss hält es von größter Wichtigkeit, dass Du lernst, alle Informationen und Unterbrechungen, die irrelevant oder unwichtig sind und mit denen Du nichts anfangen kannst, zu ignorieren oder umzuleiten.

Ab einem bestimmten Alter lenkt Lesen den Geist zu sehr von seinen kreativen Beschäftigungen ab. Wer zu viel liest und sein Gehirn wenig nutzt, entwickelt faule Denkgewohnheiten.
Albert Einstein

Und jetzt zum eigentlichen Kern von Ferriss´ Idee:

“Unser Ziel ist ganz einfach: Ein automatisiertes Vehikel zu schaffen, das Einkommen generiert, ohne dass Sie Ihre Zeit verschwenden müssen. Das ist alles. Ich werde dieses Vehikel, wo immer es möglich ist, Muse nennen, um es von dem vieldeutigen Begriff Unternehmen abzugrenzen…”

Schritt 1: Suche Dir eine Nische und ein Produkt, das keine Investitionen erfordert. Um diese Nische zu finden, sollst Du Dich fragen, zu welcher gesellschaftlichen, industriellen oder beruflichen Gruppe Du gehörst, gehört hast oder Du gut versteht. Und für welche dieser Gruppen gibt es eigene Zeitschriften?

Schritt 2: Brainstormen (nicht investieren!) für ein Produkt. Der Hauptnutzen des Produkts sollte in einem Satz zusammengefasst werden können (“Tausend Songs in Deiner Tasche” – Apple). Das Produkt sollte zwischen 50 USD und 200 USD (aktuell also ca. 35 EUR bis ca. 140 EUR) kosten. Die Produktion sollte nicht mehr als vier Wochen dauern. Das Produkt sollte sich mit einem guten Online-FAQ vollständig erklären lassen.

Ich habe Ferriss´ Buch jetzt ein zweites Mal gelesen und stehe noch immer vor der Frage: Wie bekomme ich ein gutes Musen-Produkt, das alle Kriterien erfüllt? Ferriss nennt drei Möglichkeiten: Reselling, Lizenznahme und Produktentwicklung. Sein Favorit ist die Produktentwicklung. Spinnt der, war mein erster Gedanke, doch seine Antwort folgt sofort:

Wenn wir also die mechanische Fertigung einmal beiseite lassen, teure Maschinen und aufwändige Herstellungsprozesse vergessen, dann bleibt nur noch eine Produktklasse, die alle unsere Kriterien erfüllt und deren Herstellung in kleinen Mengen weniger als eine Woche Vorlaufzeit braucht und nicht nur einen acht- bis zehnfachen, sondern oft auch einen 20- bis 50-fachen Preisaufschlag erlaubt. Nein, ich rede nicht von Heroin und auch nicht von Sklavenarbeit. Beides erfordert in der Praxis zu viele Bestechungsgelder und zu viel Interaktion mit anderen Menschen. Ich spreche von Information. Informationsprodukte kosten wenig, sind schnell herzustellen und für Wettbewerber nur unter großem Zeitaufwand zu kopieren.

Um ein entsprechendes Produkt entwickeln zu können, musst Du Experte in dieser Nische sein. Experte heisst dabei nicht, dass Du der Guru schlechthin sein musst, sondern lediglich mehr Wissen hast, als die potentiellen Käufer. Suche nach einer Kombination von Formaten, die sich für die Preisklasse von 50 bis 100 EUR eignen, z.B. zwei DVD mit 40 seitigem Begleitheft.

Wenn Du brainstormst, welche Ratgeber- oder Informationsprodukte sich möglicherweise zum Verkauf eignen, orientiere Dich an folgenden Fragen: Was kann ich meiner Zielgruppe beibringen? Welchen Themen, Produkten oder Dienstleistungen, die in meiner Zielgruppe bereits in Fachzeitschriften erfolgreich verkauft werden, kann ich noch etwas hinzufügen? Gibt es Fähigkeiten, für die ich mich interessiere und für deren Erlernen ich und andere aus meiner Zielgruppe bereit wären, Geld auszugeben? Mit welchem Experten kann ich ein Interview aufzeichnen um eine Audio-CD zusammenzustellen, die sich verkaufen lässt? Mein Experte muss nicht der beste sein, lediglich besser als die meisten.

Wie man in vier Wochen zum angesehenen, glaubwürdigen Experten wird: trete zwei oder drei Verbänden bei, in denen die Zielgruppe organisiert ist und die offziell klingende Namen haben. Lese drei Bestseller zum Thema. Gib kostenlos ein ein- bis dreistündiges Seminar, idealerweise an einer Uni oder ähnlich renommierter Einrichtung. Optional: schreibeein oder zwei Artikel für ein Fachmagazin zum Thema. Werde Mitglied in Expertenportalen.

Ich gebe Euch hier nur eine Zusammenfassung des Buchs, da klingt vielleicht manches utopisch. Für mich sind all seine Gedankengänge und detaillierte Anleitungen, wie Du bei Der Umsetzung Deiner Muse vorzugehen hast, jedoch logisch erklärt – wenn das auch an der ein oder anderen Stelle knifflig ist. Und keine Sorge, er gibt auch einige Beispiele für “echte” Proddukte wie Hemden oder Klangbibliotheken :-)

Und jetzt auch mal persönliche Erfahrungen dazu: ich habe im Frühjahr 2008 mit einem Freund ein Buch neu aufgelegt. Der Freund ist anerkannter Fachmann und ein großer deutscher Taschenbuchverlag hatte sein Buch bereits einmal veröffentlicht. Die Lizenz ist irgendwann ausgelaufen und er wollte es dann eben nochmal neu auflegen und selbst vermarkten. Sein Problem: er hatte nur noch sein fertiges Buch bzw. schlechte schwarz-weiß-Kopien davon – kein digitales Script! Dafür gibt es zwar Software, trotzdem waren noch etliche Stunden Handarbeit notwendig. Außerdem hatte er keine Ahnung, wie er selbst den Druck schnell und einfach abwickeln lassen könnte. Ich habe mich letztendlich um ALLES gekümmert: Digitalisierung, Formatierung, Layout, Marketing, Vertrieb (deutsche Alternativen: lulu und BoD). Mir hat das verdammt viel Spaß gemacht, denn es war gewissermassen ein Praktikum. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, “lediglich” das Cover würde ich heute so nicht mehr zulassen… Wer es nicht glaubt, kann gerne ein Exemplar erwerben (ich verdiene nichts mehr daran…) – ich stehe im Vorwort und im Impressum ;-) Um auf Ferriss zurück zu kommen: ich bin mir sicher, dass sein empfohlener Weg funktionieren kann. Der Deal zwischen dem Autor und mir war, dass wir uns die Einnahmen (nicht den Gewinn) aus dem Buchverkauf bis zum 30.06.09 teilen. Ich darf hier keine Zahlen nennen, kann Euch aber versichern, dass man von diesem Buch selbstverständlich nicht leben kann. Bei einem Produktpreis wie von Ferriss vorgeschlagen, sollte das aber durchaus einen zumindest nennenswerten Nebenverdienst ergeben – und das ohne nennenswerte laufende Arbeit.

Für den Webmaster würde sich also beispielsweise ein persönlicher Finanzratgeber inkl. Software-CD empfehlen, dazu vielleicht noch ein paar Interviews. Mir spucken auch einige Ideen im Kopf herum und ich glaube, ich muss das einfach mal in Angriff nehmen, wenn ich mein Leben JETZT in finanzieller Freiheit leben will und nicht erst mit 55, 60 oder noch später. Außer etwas Zeit zu Beginn eines solchen Projekts habe ich doch nichts zu verlieren, oder?

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3 Reaktionen zu “Gastbeitrag: MBA – Management by Absence”

  1. Jens

    Genial – ich hatte auch schon das Vergnügen Ferris Buch zu lesen und verfolge auch seinen Blog. Das Konzept scheint einfach zu sein und man erhält sofort Anregungen, wie man seinen Alltag in diese Richtungen lenken kann. Interessanterweise bekomme ich auch schon wieder Lust das Buch noch mal zu lesen. Auf Basis seine Informationen und Ideen habe ich auch ein kleines Projekt gestartet, was in die Richtung der “Vermarktung von Informationen” geht – bloggen in einer Nische.

    Mag sein, dass das Thema Geld verdienen im Internet etwas abgedroschen ist, aber nach 12 Wochen geht es langsam voran und ich verzeichne erste Erfolge (in google auf der ersten Seite für meine Nische etc.)

    Aber Ferris Buch werde ich noch mal lesen – und das neue Buch von ihm wird sicher auch interessant.
    Schön zu wissen, dass auch andere Blogger die ich verfolge dieselbe Lektüre lesen ;)
    Weiter so!

  2. daniel/admin

    ja, freut mich auch.

    aber verstehe ich richtig: du bloggst “nur” – verkaufst also noch kein produkt? das erfordert ja auch immer wieder (erheblichen) zeitaufwand, ist also nicht in ein paar wochen produziert und muss dann “nur” noch vermarktet werden. und selbst erfolgreiche, deutschsprachige blogger schaffen meines wissens selten mehr als 1.000,-/1.500,- eur pro monat… einen blog sehe ich in verbindung zu ferriss´ idee als marketingmaßnahme. verrate uns doch noch die adresse deines blogs… trotzdem: viel erfolg ;-)

  3. Jens

    Genau, ich blogge nur und erzeuge Kleingeld. Verkauft wird noch nichts…und Zeitaufwand ist es auch. Aber evtl. erzeugt das Projekt über den Punkt Nachhaltigkeit zukünftig auch mehr Einnahmen. Kleinvieh eben…

    Ich habe aber schon eine andere Idee eine Business, welches man durchaus “einfach” aufbauen kann. Es ist die Verknüpfung von Dienstleistungen zu einer neuen Dienstleistung. Diese würde im Bereich Business & Transportwesen angesiedelt sein. Die ersten Versuche dazu ein Marketingkonzept zu erstellen sind auch schon gelaufen – über eine Berufsschule. Aber das Projekt verebbt jetzt wegen Zeitmangel und auch mangelnder Risikobereitschaft. Das war so der erste Ansatz nach dem ich Ferris’ Buch gelesen hatte ;)

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